Die Wirkung der Glatze auf den Betrachter

Im folgenden beschränken wir uns auf einen Teilaspekt, nämlich die Frage:
„Wie wirkt die Glatze auf den Betrachter?" Dieser Aspekt ist von besonderer Bedeutung, weil er den Ausgangspunkt weitreichender psychologischer und sozialer Probleme darstellen kann.Würde es in den Augen unserer Mitmenschen keinerlei Unterschied machen, ob wir eine Glatze oder einen vollen Haarschopf haben, dann würde sich die Frage nach psychologischen und sozialen Konsequenzen des Haarausfalls erübrigen. Aber bereits die Alltagserfahrung zeigt, dass diese Voraussetzung mit Sicherheit nicht erfüllt ist.
Psychologische Untersuchungen

Bislang liegen nur wenige psychologische Untersuchungen zur Eindruckswirkung der Männerglatze vor. Insgesamt zeigt sich aber, dass die Glatze überwiegend negativ beurteilt wird. Zum Beispiel wurde in einer Studie von Cash Glatzenträgern ein geringeres Selbstwertgefühl und ein geringerer Lebenserfolg zugetraut; sie erschienen zugleich weniger sympathisch und weniger attraktiv; und sie wurden deutlich älter geschätzt.
Eine interessante Überlegung wurde von Muscarella und Cunningham eingebracht. Während einige Autoren vermuten, dass sich die Glatze im Laufe der Evolution als Signal der männlichen Dominanz entwickelt hat, weisen Muscarella und Cunningham darauf hin, dass ein kahler Männerkopf eher mit dem Kindchenschema übereinstimmt („babyface"-Merkmale). Dementsprechend nehmen die Autoren an, dass sich die Glatze als ein Indikator der sozialen Beschwichtigung evolviert hat. Mit Hilfe retuschierter Fotos konnten sie zeigen, dass ein und dieselben Personen mit Glatze weniger aggressiv erschienen als mit vollem Haar und gleichzeitig auf der Dimension, Beschwichtigung' (scheu, feminin, Babyface, naiv, freundlich) höhere Werte erzielten. Darüber hinaus erzielten die Glatzenträger auch positivere Beurteilungen auf einem Faktor, der Aspekte der Intelligenz und der sozialen Verträglichkeit umfasste. In diesem Punkt hatten sich jedoch bei Cash andere Ergebnisse gezeigt: Dort ergab sich im Hinblick auf die eingeschätzte Intelligenz kein Effekt; und im Hinblick auf die soziale Verträglichkeit schnitten die Glatzenträger deutlich schlechter ab.
Universitäre Studien

An der Universität des Saarlandes wurden bislang zwei Studien zur Eindruckswirkung der Männerglatze abgeschlossen. In der ersten Studie wurden Gesichterfotos von 90 Männern im Alter von 20 bis 60 Jahren vorgelegt. Die Beurteilung erfolgte im Hinblick auf Merkmale, die als Komponenten des männlichen Partnerwerts aufgefasst werden können, und zwar: Attraktivität, sexuelle Attraktivität, Gesundheit, Maskulinität, Berufsprestige, Mode, „Babyface", Stimmung, Alter. Außerdem wurde durch eine unabhängige Urteilergruppe der Grad des Haarausfalls nach der Klassifikation von Norwood beurteilt.
Die Ergebnisse zeigen, dass eine Glatze in nahezu jeder Hinsicht negativ wirkt. Nachdem das Alter der beurteilten Personen herausgerechnet wurde, verblieben jedoch nur noch zwei statistisch signifikante Befunde: Glatzenträger werden älter geschätzt als sie tatsächlich sind, und sie sind sexuell weniger attraktiv als Männer mit vollerem Haar.

Die zweite Studie wurde über das Internet durchgeführt. Von 9 Männern wurden jeweils zwei Bildversionen erstellt: Eine mit vollem Haar, die andere mit Glatze (bei Männern mit vollem Haar wurde die Glatze per Computer retuschiert; bei Glatzenträgern wurde ein voller Haarschopf durch eine Perücke erzielt). An der Untersuchung, die in einer deutsch- und in einer englischsprachigen Version vorlag, nahmen mehr als 1800 Versuchspersonen aus aller Welt teil, davon waren 80 Prozent Frauen. Die Versuchspersonen sahen jeweils nur ein einziges Bild, das sie im Hinblick auf 80 Persönlichkeitsmerkmale beurteilen sollten.
Aus den Einzelurteilen konnten vier globale Dimensionen des Persönlichkeitseindrucks gewonnen werden:

   1. Sexuelle Attraktivität (z.B. sexy, verführerisch, Erfolg bei Frauen, guter Liebhaber)
   2. Eignung als Ehepartner (z.B. gutmütig, familienorientiert, treuer Ehemann, guter Vater)
   3. Beruf/Karriere (Erfolg im Beruf, karriereorientiert, intelligent, angesehener Beruf)
   4. Selbstsicherheit (selbstbewusst, schüchtern, nervös, zurückhaltend)

Die Haarfülle hatte keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die vermutete Eignung als Ehepartner und den eingeschätzten Berufserfolg. Demgegenüber wurden die Männer in der Version mit vollem Haar als deutlich selbstsicherer eingeschätzt als in der Version mit Glatze. Besonders stark war der Effekt bezüglich der sexuellen Attraktivität: Die Glatze führte zu erheblichen Einbußen der sexuellen Attraktivität. Darüber hinaus wurden die Männer im Mittel um etwa 2 Jahre älter geschätzt, wenn sie eine Glatze hatten.

Fazit: Glatze macht älter

Obgleich die Befunde nicht in allen Punkten übereinstimmen, lassen die bislang vorliegenden psychologischen Studien einige Verallgemeinerungen über die Eindruckswirkung der Männerglatze zu. Von Glatze Betroffene wirken deutlich älter als Männer mit vollem Haar. Glatzenträger schneiden zudem vor allem im Hinblick auf die sexuelle Attraktivität sehr viel schlechter ab. Darüber hinaus hält man sie für weniger selbstsicher.
Insgesamt weist das Glatzenstereotyp deutlich mehr negative als positive Aspekte auf. Männer mit Glatze scheinen in den Augen der Anderen eher am Rand des sozialen Lebens zu stehen. Werte wie Jugendlichkeit, sexuelle Attraktivität, Aktivität, aufregendes Leben, scheinen hingegen für diejenigen reserviert zu sein, die (noch) über einen vollen Haarschopf verfügen. Damit trägt der Verlust des Haares zu einer Minderung des Partnerwerts bei.
Vermutlich ist dies einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Männer zu allen Zeiten und in allen Kulturen dem Verlust ihres Haupthaares mit Bangen entgegen sahen - und dass zumindest einige mit allen Mitteln versuchten, dieser Bedrohung entgegen zu wirken.

Nachtrag: Offenbar stellt uns nun die moderne Medizin zum ersten Mal Mittel zur Verfügung, die eine ursächliche Bekämpfung des Haarausfalls ermöglichen.